Book 2
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Durch solche Vorstellungen suchte Perikles den Unwillen der Athener zu beschwichtigen und sie über ihre Lage zu be ruhigen. Politisch handelten sie auch nach seinem Rat, indem sie nicht wieder nach Lakedämon schickten und den Krieg mit neuem Eifer betrieben; die einzelnen aber trugen immer noch schwer an ihren Leiden: der kleine Mann, weil ihm auch sein Weniges draufgegangen war; die Reichen, weil sie ihre schönen Besitzungen auf dem Lande, ihre Häuser und kostbaren Ein richtungen dort verloren hatten; hauptsächlich aber, weil Krieg und kein Friede war. So murrte man immer noch auf ihn und ruhte nicht, bis man ihn wirklich zu einer Geldstrafe ver urteilt hatte. Nicht lange nachher freilich - so ist die Menge - wählte man ihn dann doch wieder zum Feldherrn und stellte ihn an die Spitze der Geschäfte, teils weil die einzelnen sich über ihre Verluste nachgerade schon mehr beruhigt hatten, teils weil man ihn doch für den Mann hielt, mit dem der Stadt am besten gedient wäre. Denn in der Tat, solange er im Frieden an der Spitze der Stadt gestanden, hatte er sie mit Weisheit und Gerechtigkeit regiert und sicheren Blicks vor Schaden behütet, und sie war unter ihm zu höchster Blüte ge langt. Als es dann zum Kriege kam, zeigte sich, daß er auch in dieser Beziehung ihre Machtmittel richtig eingeschätzt hatte. Nach AuSbruch deS Krieges lebte er noch drittehalb Jahre, und nach seinem Tode überzeugte man sich vollends davon, wie richtig er den Krieg beurteilt. Er hatte den Athenern gesagt, wenn sie sich auf keine Schlacht im offenen Felde ein ließen, für die Tüchtigkeit ihrer Flotte sorgten und während des Kriegs auf weitere Unternehmungen zur Ausdehnung ihrer Herrschaft verzichteten, um die Stadt dadurch nicht in neue Ge fahren zu verwickeln, so würden sie Sieger bleiben. Sie aber taten grade das Gegenteil und ließen sich zu ihrem und ihrer Bundesgenossen Schaden durch Ehrgeiz und Habgier einzelner zu Unternehmungen verleiten, die mit dem Kriege offenbar nichts zu tun hatten, die, wenn sie gelangen, einzelnen allen falls Ehre und Vorteil bringen mochten, aber, da sie fehlschlugen, der Stadt im weitern Verlauf des Krieges zum Verderben wurden. Das kam daher, daß er ein Mann von größtem An sehen und höchster Einsicht und über allem Zweifel erhabener Unbestehclichkeit war, der es verstand, die Menge vornehm zu behandeln. Er ließ sich nicht von ihr, sondern sie sich von ihm leiten; denn da er seine Macht nicht durch unerlaubte Mittel gewonnen hatte, brauchte er ihr nicht nach dem Munde zu reden, sondern konnte den Leuten im Zorn bei aller Würde auch mal tüchtig ins Gepäck fallen. Wenn er merkte, daß sie zur Unzeit zu hoch hinaus wollten, wußte er sie durch seine Reden bis zur Zaghaftigkeit zu ducken, und wiederum, wenn sie ohne Not verzagten, ihnen wieder Mut zu machen. Dem Namen nach regierte das Volk, tatsächlich aber war er der erste Mann, der die Stadt regierte. Unter seinen Nachfolgern, von denen im Grunde keiner mehr bedeutete als der andere und doch jeder der erste sein wollte, wurde das anders; sie überließen es dem Volke, auch Politik auf eigene Hand zu treiben, wobei es in einer Stadt von solcher Größe und Machtstellung natürlich nicht ausbleiben konnte, daß Fehler über Fehler gemacht wurden, so namentlich mit dem Zuge nach Sizilien. Bei dem aber lag der Fehler nicht so sehr darin, daß man ihn über haupt unternahm, als darin, daß man hinterher für die Leute dort nicht gehörig sorgte und, durch ehrgeizige Intriganten, welche um die Volksgunst buhlten, verführt, das Heer in Sizi lien zugrunde gehen ließ, auch seitdem erst infolge innerer Zer würfnisse keine einheitliche Politik mehr verfolgte. Aber auch nach der Niederlage in Sizilien, bei der sie ihr Heer mit allem Material und den größten Teil ihrer Flotte verloren hatten, und trotz der in der Stadt herrschenden Parteikämpfe behaup teten die Athener sich dann noch drei Jahre nicht nur gegen ihre ursprünglichen Feinde, sondern auch gegen die diesen aus Sizilien gewordenen Verstärkungen und ihre der Mehrzahl nach ' zu ihnen übergegangenen Bundesgenossen, ja auch selbst zuletzt nochmals Kur-us, der Sohn des Perserkönigs, sich den Pelo ponnesiern zugewandt hatte und sie mit Geld für ihre Flotte unterstützte. Und erst dann gaben sie klein bei, als sie infolge innerer Zerwürfnisse völlig von Kräften gekommen waren. So überreichlich waren die Mittel, welche Perikles damals zu Gebote standen und ihn zu der Annahme berechtigten, daß Athen aus einem Kriege allein mit den Peloponnesiern mit Leichtigkeit als Sieger hervorgehen würde.