Book 2
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Durch solcherlei Reden suchte Perikles den Unwillen der Athener gegen sich zu entkräften und ihre Gedanken von den augenblicklichen Uebeln abzuleiten. In den öffentlichen Angelegenheiten nun folgten sie seinen Worten und schickten nicht weiter mehr zu den Lakedämoniern, sondern rüsteten sich noch eifriger zum Kriege; für sich aber blieb jeder von seinen eigenen Leiden niedergedrückt: das gemeine Volk, weil es nur Weniges besessen nnd auch das noch verloren hatte, die Reichen, weil sie sich ihrer schönen Besitzungen, ihrer Häuser auf dem Lande und der kostbaren Einrichtungen beraubt sahen, und, was von Allem das Wichtigste, weil sie Krieg hatten anstatt des 430 v. Chr. Friedens. Und in der That hörten sie insgesammt nicht eher aus, ihn mit ihrem Unwillen zu verfolgen, als bis sie ihn um eine Summe Geldes gestraft hatten. Wie es aber der große Haufe zu machen pflegt, so wählten sie ihn nicht lange danach wieder zum Feldherrn und übertrugen ihm alle Staatsgeschäfte; denn über das, was Jeder in seinem Häuslichen zu leiden hatte, dachten sie bereits milder, den Bedürfnissen des Staates aber glaubten sie, sei er am besten gewahcsen. Und in der That, so lange er im Frieden dem Staate vorstand, lenkte er ihn mit Mäßigung und bewahrte ihn mit sicherer Hand vor Unheil, und unter seiner Regierung erreichte er seine größte Macht. Als aber der Krieg eintrat, so zeigte es sich, daß er auch hierin die Kräfte des Staates vorher richtig geschätzt hatte. Er lebte aber während desselben noch zwei Jahre und sechs Monate, und als er gestorben war, da wurde seine Voraussicht in Betreff des Krieges erst recht erkannt; denn er hatte behauptet, wenn die Athener sich sonst ruhig verhielten, nur auf die Flotte Bedacht nähmen, während des Krieges ihre Herrschaft nicht weiter ausbreiten und die Stadt selbst keiner Gefahr aussetzen wollten, so würden sie Sieger bleiben. Sie aber wendeten dies Alles in's Gegentheil um und unternahmen aus persönlichem Ehrgeize und um des eigenen Aortheils willen andere Dinge, die mit diesem Kriege gar nicht im Zusammenhang standen, zu ihrem eigenen und ihrer Bundesgenossen Unglück, — Dinge, die, wenn sie gelangen, den Einzelnen zwar Ehre und Nutzen mehren konnten, wenn sie aber mißlangen, dem Staate für den Verlauf des Krieges zum Schaden gereichten. Die Ursache davon war, das; jener, an Ansehen und Einsicht hervorragend, unbestechlich war wie kein Anderer und die Menge durch seinen Freimuth im Zaume hielt. Er wurde nicht von jener gelenkt, sondern lenkte sie vielmehr selbst, weil er nicht durch unerlaubte Mittel zu seiner Macht gelangt war und ihnen deshalb nicht zu Gefallen reden mußte, sondern sich das Recht nahm, ihnen auch mit Leidenschaft zu widersprechen. Wenn er nun merkte, daß sie zur unrechten Zeit aus Uebermuth waghalsig werden wollten, so schlug er durch seine Reden ihre Stimmung bis zur Zaghaftigkeit nieder, und sah er sie in übertriebener Furcht, so richtete er sie wieder zur Kühnheit auf. So gab es dem Namen nach eine Volksherrschaft, in der 430 v. Chr. That aber ging vom ersten Manne die Herrschaft aus. Die aber nach ihm kamen, mehr Einer mit dem Andern gleiches Ranges waren und doch Jeder der Erste werden wollten, fingen an dem Volke zu Gefallen ihm die Staatsangelegenheiten in die Hände zu geben, weshalb, wie es in einem großen und Andere beherrshcenden Staate natürlich ist, sowohl viele andere Fehler begangen wurden, als auch besonders die Seeunternehmung gegen Sicilien. Bei dieser lag aber der Fehler nicht sowohl in der Absicht rücksichtlich derer, gegen welche der Zug unternommen wurde, als vielmehr darin, daß die Unternehmer hinterher die Sache des abgegangenen Heeres nicht im Auge behielten, sondern unter lauter Ränken der Einzelnen um den Vorrang beim Volke die Kraft des Heeres todt legten und wegen der Staatsangelegenheiten zuerst unter sich selbst in Zerwürsniß geriethen. Obgleich sie nun in Sicilien sowohl ihre übrige Kriegsrnstung als auch den größten Theil der Flotte einbüßten, und auch bereits zu Haus unter ihnen Zwiespalt herrschte, so widerstanden sie doch noch drei Jahre ihren früheren Feinden und den Sikelioten noch dazu, während gleichzeitig auch die meisten ihrer Bundesgenossen zu jenen übergegangen waren und auch des Perserkönigs Sohn, Kyros, sich denselben angeschlossen hatte, der den Peloponnesiern Geld zu einer Flotte gab. Und nicht eher gaben sie nach, als bis sie durch ihre eigenen Zwistigkeiten ganz und gar herabgekommen waren. Soweit war Penkles damals noch unter der Wirklichkeit zurückgeblieben, als er voraus berechnete, daß sie im Kriege gegen die Pcloponnesier allein sehr leicht den Sieg behalten würden.