Book 3
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„Auch sonst habe ich schon oft Gelegenheit gehabt, mich davon zu überzeugen, wie unfähig ein demokratisches Gemein wesen ist, über andere zu herrshcen, aber noch niemals so wie heute bei euern Gewissensbissen über Mytilene. Weil ihr im täglichen Leben gemütlich und arglos miteinander verkehrt, meint ihr, es mit den Bundesgenossen ebenso machen zu können, und wenn ihr euch durch sie zu Dummheiten beschwatzen oder durch Mitleid dazu verführen laßt, bedenkt ihr nicht, daß euer gutes Herz euch nur Gefahren, aber keinen Dank der Bundes genossen eintragen wird. Daß eure Herrschaft Gewaltherrschaft ist, eure Bundesgenossen euch hassen und nur widerwillig ge horchen, kommt euch nicht in den Sinn. Nicht, wenn ihr sie zu eigenem Schaden mit Liebenswürdigkeit überhäuft, dürft ihr bei ihnen auf Gehorsam rechnen; denn auf ihre Liebe könnt ihr euch nicht verlassen, sondern nur, wenn ihr sie mit eiserner Faust regiert. Das Schlimmste aber ist, wenn es hier nie dabei bleibt, was nun einmal beschlossen ist; wenn wir nicht einsehen, daß ein Staat mit schlechten Gesetzen, die befolgt werden, besser dran ist als mit den vortrefflichsten Gesetzen, um die man sich nicht kümmert; wenn wir nicht einsehen, daß man ohne viel Wissen mit gesundem Menschenverstand weiter- kommt als mit Gelehrsamkeit und Wankelmut, und daß die einfachen Leute sich in der Regel besser aufs Regieren ver stehen als die klugen. Denn die wollen immer noch klüger sein als die Gesetze und etwas Besseres wissen, als was man den Leuten schon gesagt hat, als wenn es nicht sonst noch Gelegenheit genug gäbe, ihre Weisheit auszukramen, was dann dem Staate gemeiniglich nur zum Schaden gereicht. Jene Leute aber, die ihrer eigenen Einsicht nicht trauen, bescheiden sich, nicht klüger zu sein als die Gesetze und nicht das Zeug zu haben, einen tüchtigen Redner zu bekritteln, und grade, weil sie unbefangene Richter und keine Rechtsverdreher und Zungendrescher sind, treffen sie gewöhnlich das Rechte. So müssen auch wir es machen und uns nicht durch unsere Rede fertigkeit und den Ehrgeiz, es anderen an Scharfsinn zuvor zutun, verleiten lassen, dem Volke die Abänderung seines Be schlusses zu empfehlen.