Book 3
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„Davon nun möchte ich euch abbringen, und deßhalb weise ich euch nach, wie sehr diese Eine Stadt der Mitylenäer sich an euch versündigt hat. Für solche, die nicht im Stande waren, die Forderungen eurer Herrschaft zu befriedigen, oder die von den Feinden gezwungen wurden, und so abgefallen sind, für die habe auch ich Verzeihung. Bewohner einer Insel aber, und zwar einer befestigten Insel, die nur von der Seeseite her einen Angriff unserer Feinde'zu fürchten gehabt hätten — und selbst für diesen Fall waren sie durch eine Zahl ausgerüsteter Dreiruderer nicht ohne Schutz — Leute, die nach ihren eigenen Gesetzen lebten und von uns auf's Höchste geehrt wurden, — wenn die solches thaten, haben sie damit etwas Anderes gethan, als aus uns einen Angriff gemacht? Und ist das nicht eher ein Anfall als ein Abfall zu nennen? Denn Abfall findet doch nur bei denen Statt, die vergewältigt worden. Und haben sie nicht im Bunde mit unseren ärgsten Feinden uns zu verderben gesucht? Und 26) Bezieht sich besonders auf Protagoras, ProdikoS und Gorgias, welcher' letztere damals grade mit der leontinischen Gesandtschaft nach Athen gekommen war (vergl. Thuk. Ill, SK). Trotz des außerordentlich hohen Honorars — Gorgias und ProtagoraS forderten 100 Minen (die Mine — 22 Flur. 22 Ggr.) für den Lchrkurs! — strömte ihnen die Jugend zahlreich zu. Auf ihre Leichtigkeit und Spitzfindigkeit, die allerdings dem ernsten, wahrhaften Sinn nicht minder schadeten, als Kleons rohe Oberflächlichkeit, spielt hier Kleon nicht an, denn ihm, dem Ungebildeten, erscheinen sie als Vertreter der Bildung, die er haßt. Sokrates ist hier vielleicht auch schon mitgemeint. Nur fünf Jahre später fällt die Abfassung der Wolken des Aristophanes, die ihn als Sophisten verspotten. Ganz ähnlich wie Kleon hier über die Sophisten, so später sein Gegner Aristophanes in den Fröschen (405 v. Chr.), freilich von ganz andern Gesichtspunkten aus, über SokrateS: Schande, wer bei Sokrates ' Sitzen mag und schwatzen mag — In gespreizten leeren Phrasen, Düsteleien, Quäckeleien, , Faulgeschäftig sich zu üben Ist für hohle Köpfe nur!. 427 v. Chr. das ist doch viel verbrecherischer, als wenn sie mit eigener Macht, dafern sie diese besessen hätten, kriegführend gegen uns ausgetreten wären. Weder haben sie sich das Unglück der Andern zum warnenden Beispiel dienen lassen, die bereits früher ihren Abfall von uns mit der Niederlage gebüßt haben, noch auch gab ihnen ihr gegenwärtiger Wohlstand Grund zur Besinnung, daß sie sich nicht in'S Verderben stürzten, vielmehr forderten sie die Zukunft mit großer Keckheit heraus, und geschwellt von Hoffnungen, die eben so weit über ihre Kräfte hinausgingen, wie sie noch hinter ihren Wünschen zurückblieben, haben sie den Krieg gewählt und sich nicht besonnen, Gewalt vor Recht gehen zu lassen; denn unter Umständen, wo sie glaubten, mit uns fertig werden zu können, haben sie uns angegriffen, ohne beleidigt worden zu sein. So pflegen sich ja meist die Staaten zum Uebermuth zu wenden, welchen in kurzer Zeit und unerwartet großer Wohlstand zu Theil geworden ist. Gewöhnlich ist aber das Glück, wenn es dem Menschen nach dem gemeinen Gang der Dinge zu Theil wird, beständiger, als wenn es unerwartet.gekommen ist; und man darf wohl auch sagen, daß es leichter ist, ein Unglück fern zu halten, als das Glück sich auf die Dauer zuzugesellen. Wir hätten aber den Mytilenäern schon längst nicht vor allen Andern solche Ehre erweisen sollen, so hätte ihr Uebermuth nicht so ausgeartet; denn der Mensch ist nun-einmal von solcher Art, daß er den verachtet, der ihm den Hof macht, und sich vor dem beugt, der feste Haltung zeigt. So sollen sie denn nun auch bestraft werden, wie sie es verdienen, und nicht etwa dürft ihr nur der Minderzahl die Schuld beimessen, und den großen Haufen laufen lassen. Denn Alle mit einander haben sie uns angegriffen. Hätten die Andern zu uns gehalten, so könnten sie jetzt weiter ihren Staat in Unabhängigkeit regieren; aber sie haben eben das Wagestück der Minderzahl für weniger bedenklich gehalten und sind mitabgefallen. Und wenn ihr von euren Bundesgenossen diejenigen, die freiwillig abgefallen sind, nur mit derselben Strafe belegt, wie diejenigen, die vom Feinde dazu gezwungen wurden, wer, glaubt ihr, werde dann nicht die Gelegenheit zum Abfall vom Zaun brechen, da ihm im Fall des Gelingens die Freiheit winkt, und wenn die Sache schief geht, ihn eben keine sonderliche Strafe trifft? Da wird sofort unser Vermögen und Leben von jeder einzelnen Stadt be droht sein. Und wenn ihr im günstigen Fall eine Stadt zu Grunde 427 v. Chr. gerichtet habt, wo bleiben da für die Zukunft die Steuern und Einkünfte, auf denen unsere Macht beruht? Bleiben wir aber im Nachtheil, so haben wir uns zu unsern dermaligen Feinden noch neue aus den Hals gezogen, und die Zeit über, da wir unsern jetzigen Feinden Widerstand leisten sollten, werden wir uns mit unseren eigenen Bundesgenossen herumzuschlagen haben."