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Ἱστορίαι Thucydides

Book 3

45 „Die staatlichen Gesetze bedrohen viele Vergehen mit Todesstrafe, die nicht so schwer, sondern geringfügiger sind als unser Fall. Trotzdem lassen die Menschen sich dadurch nicht abschrecken, weil sie hoffen, glücklich durchzukommen; wer weiß, daß er dazu keine Aussicht hat, wird sich nicht in Gefahr be­ geben. Und wo hätte wohl je eine Stadt einen Abfall gewagt, die nicht geglaubt hätte, mit eigenen Kräften oder fremder Hilfe damit durchzukommen? So sind die Menschen; sie sün­ digen alle, im öffentlichen Leben so gut wie in Privatverhält­ nissen, und lassen sich davon durch kein Gesetz abhalten, so­ lange man schon darauf ausgegangen ist, durch Steigerung aller Strafen die Verbrechen zu bekämpfen und ihre Zahl zu vermindern. Sicher tsanden früher auch auf die schwersten Verbrechen weniger harte Strafen. Da die Gesetze jedoch be­ ständig übertreten wurden, verschärfte man sie mit der Zeit fast alle bis zur Todesstrafe, aber die Verbrechen haben darum nicht abgenommen. Entweder also muß man noch abschreckendere Strafmittel ersinnen, oder es ist überhaupt nichts dagegen zu machen. Bald ist es Armut, denn Not kennt kein Gebot; bald Reichtum, der in frechem Übermut nach fremdem Gut begehrt, oder es sind andere Umstände, welche die Leidenschaften der Menschen mit unwidertsehlicher Gewalt anfachen, was sie immer wieder dazu treibt, mit dem Feuer zu spielen. Überall aber sprechen Hoffnung und Begierde mit; diese geht voran, jene kommt nach; diese macht den Plan, jene verspricht sich goldene Berge davon, und diese unsichtbaren Mächte sind wirk­ samer als der abshcreckende Anblick blutiger Exekutionen. Auch das Glück trägt sein Teil dazu bei, die Menschen zu betören. Denn da es sich manchmal ganz unverhofft einstellt, so verführt es einen, selbst mit unzureichenden Mitteln etwas zu wagen, und grade vorzugsweise die Staaten, weil es sich bei ihnen um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit handelt, der einzelne aber gedankenlos mitmacht und in der Masse ein Held zu sein glaubt. Mit einem Worte, es ist unmöglich und wäre töricht, sich einzubilden, man könne die Menschen durch strenge Gesetze oder sonstige Abschreckungs­ mittel von Handlungen abhalten, zu denen ihre Natur sie nun einmal treibt.

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