Book 3
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Zu solch wilder Wut artete der Parteikamps aus, und das machte damals um so tieferen Eindruck, weil es hier eigentlich zum erstenmal vorkam. Später ging es dann freilich in ganz Griechenland sozusagen drunter und drüber, da es überall Parteikämpfe gab, in denen die Führer der Volkspartei die Athener, die Oligarchen aber die Lakedämonier zu Hilfe riefen. Im Frieden hätte man dazu wahrscheinlich weder Veranlassung noch Neigung gehabt, jetzt aber, wo sie miteinander im Kriege lagen, bot sich in solchen Kämpfen beiden Parteien die beste Gelegenheit, sich auf diese Weise zur Unterdrückung der Gegen partei und zur Befestigung der eigenen Macht fremde Hilfe zu verschaffen. Es waren schwere Leiden, welche damit über die Städte hereinbrachen, Leiden, wie sie freilich in solchen Parteikämpfen je nach Umständen mehr oder weniger zu allen Zeiten vorgekommen sind und vorkommen werden, solange die menschliche Natur dieselbe bleibt. In Frieden und guten Tagen, wo die bittere Not noch nicht an sie herantritt, sind die Staaten wie die Menschen so böse nicht; wenn aber der Krieg sie in die harte Schule nimmt und ihnen ungewohnte Ent behrungen auferlegt, entfesselt er damit auch die Leidenschaften der Menge. Dieser beständige Parteikampf in den Städten, und was man von den Dingen hörte, die dabei früher schon vorgekommen, trug nicht wenig dazu bei, die Sinnesart der Menschen völlig umzuwandeln und dem Gegner gegenüber jede Art von Hinterlist und maßloser Rache für erlaubt zu halten. Selbst die gewöhnliche Bedeutung der Wörter änderte man nach Belieben. Unverschämtheit hieß Freiheit und Brüderlich keit, vernünftige Überlegung bloße Feigheit, der besonnene Mann war ein Hasensuß, der Bedächtige eine Schlafmütze, tolles Zufahren männlich, ruhiges Nachdenken nur ein Vor- wand, sich zu drücken. Wer auf alles schimpfte, war gesinnungs tüchtig, und wer ihm widersprach, verdächtig. Wem ein hinter listiger Streich gegen einen anderen geglückt war, galt für klug, für noch klüger aber der andere, der sich nicht hatte hinters Licht führen lassen, und wer sich auf dergleichen über haupt nicht einließ, war ein Duckmäuser und eine Bange büchse. Wer einem ihm zugedachten Streich zuvorkam oder jemand dazu anstiftete, einem anderen einen solchen Streich zu spielen, der wurde gerühmt. Die Partei war ein festeres Band als selbst die Verwandtschaft, weil bei ihr auf unbedingte Bereitwilligkeit zu jedem Wagnis zu zählen war. Solchen Verbindungen war es nicht um Förderung erlaubter Zwecke, sondern um gesetzwidrige Erweiterung ihrer Macht und ihres Einflusses zu tun; man verband sich nicht, um die göttlichen Gesetze zu halten, sondern um sie zu brechen. Versöhnliche Anerbietungen der Gegner nahm man an, wenn sie die Ober hand hatten, aber nicht auf Treu und Glauben, sondern nur gegen handfeste Sicherheit. Sich zu rächen, galt für ehren- voller, als sich nichts gefallen zu lassen. Eide, die man einander bei einer Aussöhnung etwa geleistet hatte, betrachtete man nur als einstweiligen Notbehelf und hielt sich dadurch nicht länger für gebunden, bis man anderweit wieder zu Kräften gekommen war. Wer sich dann zufällig zuerst wieder MannS genug fühlte, rächte sich an dem Gegner weit lieber in einem un bewachten Augenblick, wo er sich sicher fühlte, als in offenem Kampfe; denn dabei konnte er nicht nur gewisser auf Erfolg rechnen, sondern auch auf den Ruhm, den Gegner durch Schlauheit überlistet zu haben. Die meisten Menschen wollen aber lieber, daß man sie für gescheite Bösewichter als für ehrliche Dummköpfe hält; denn hierüber schämen sie sich, darauf aber tun sie sich was zugute. Schuld an alledem war das Umsichgreifen der Mächtigen und die Leidenschaft, womit sie den Kampf um die Herrschaft führten. Denn während die Häupter beider Parteien in den Städten die schönen Namen Gleichberechtigung aller oder gemäßigte Aristokratie im Munde führten und für das Wohl der Stadt zu kämpfen behaupteten, stritten sie in der Tat nur miteinander um die Herrschaft, schreckten dabei vor keinem Mittel zurück und übten ohne Rück sicht auf Recht und Gemeinwohl in fanatischer Parteiwut maßlose Rache an den Gegnern, die sie unbedenklich durch un gerechte Abstimmung verurteilen ließen oder mit Gewalt zu Boden schlugen. Gottesfurcht war ein leerer Wahn und jede unter hochtönenden Phrasen verübte Untat ein neuer Ruhmes titel. Diejenigen Bürger aber, die es mit keiner Partei hielten, wurden von beiden mißhandelt, teils weil sie nicht mitmachten, teils weil man ihnen nicht gönnte, daß sie un geschoren blieben.