Book 3
104
In demselben Winter reinigten die Athener infolge eines Orakelspruchs die Insel Delos. Der Tyrann Peisistratos hatte sie früher auch schon gereinigt, aber nicht ganz, sondern nur soweit man sie vom Tempel übersehen konnte. Diesmal wurde die ganze Insel gereinigt, und zwar auf folgende Weise. Die auf Delos befindlichen Totensärge ließen sie sämtlich von der Insel bringen und bestimmten, daß dort künftig weder jemand sterben noch ein Weib gebären, sondern in solchem Fall nach Rheneia hinübergeschafft werden solle. Die Insel Rheneia aber liegt so nahe bei Delos, daß der Tyrann Poly krates von Samos, als er mit seiner Flotte eine Zeitlang die See beherrschte und wie die übrigen Inseln auch Rheneia er obert hatte, sie mit einer Kette an Delos band und dem delischen Apollon weihte. Damals nach dieser Reinigung begingen die Athener auch zum erstenmal das nachmals alle fünf Jahre ge feierte Fest der Delien. Schon von Alters her waren Jonier und Bewohner der benachbarten Inseln auf Delos in Menge zusammengekommen. Sie pilgerten nämlich, wie jetzt die Jonier zu den Ephesien, mit ihren Weibern und Kindern zu den dortigen Festen, bei denen Kampf- und Singspiele gehalten und von den Städten Reigentänze aufgeführt wurden. Das beweist ja schon Homer, wenn es im HymnoS auf Apollon heißt:
104
Aber zumeist, o Phoibos, erfreuet dein Herz sich in Delos, Wo die Jonier sich versammeln in langen Gewändern Mit ihren Kindern zugleich und ihren vortrefflichen Frauen, Um sich in Kämpfen zu messen, in Tanz, Gesängen und Faustkampf,
104
Dir zur Ehre und Freude allda bei festlichen Spielen. Daß auch Sänger dort um den Preis kämpften und dazu nach Delos zogen, sieht man bei ihm wieder aus einer anderen Stelle in demselben Hymnus. Nachdem er nämlich den delischen Frauenchor befangen, schließt er sein Lied mit folgenden Worten, in denen er auch sich selbst erwähnt: