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Ἱστορίαι

Ἱστορίαι Thucydides

Book 6

18 „Wie könnten wir eine so zaghafte Politik vor unS selbst und vor unseren dortigen Bundesgenossen rechtfertigen, wollten wir ihnen nicht zu Hilfe kommen? Nachdem wir uns ihnen einmal eidlich verpflichtet, müssen wir ihnen auch helfen und dürfen nicht einwenden, daß sie uns ja auch nicht hülfen. Denn nicht deshalb haben wir sie als Bundesgenossen ange­ nommen, um uns hier von ihnen helfen zu lassen, sondern um durch sie einen Druck auf unsere dortigen Feinde zu üben und diese dadurch zu hindern, uns hier anzugreifen. Wie alle mächtigen Staaten eben auch, sind wir dadurch zur Macht gelangt, daß wir Griechen und Barbaren, wenn sie uns darum an­ gingen, stets bereitwillig unsere Hilfe gewährten. Wenn man sich nicht rührt oder erst lange untersucht, ob man einem als Stammesgenossen auch helfen müsse, hat es mit der Erweite­ rung unserer Macht kurze Wege, ja wir laufen Gefahr, sie völlig zu verlieren. Gegen einen mächtigen Feind setzt man sich nicht nur zur Wehr, wenn er uns angreift, sondern sucht sich auch schon vorher gegen seinen Angriff zu sichern. Wir sind nicht in der Lage, im voraus zu bemessen, wie weit wir unsere Herrschaft ausdehnen wollen, aber, nachdem wir es einmal so weit gebracht, sind wir gezwungen, nicht nur die alten Er­ oberungen festzuhalten, sondern auch auf neue auszugehen, weil wir gewärtigen müssen, wenn wir nicht über andere herrshcen, selbst unter fremde Herrschaft zu geraten. Wir dürfen uns auch nicht wie andere der Ruhe hingeben, wenn wir nicht überhaupt die Rolle mit ihnen tauschen wollen. Also, weil wir darauf rechnen können, unsere hiesige Macht zu mehren, wenn wir nach Sizilien gehen, laßt uns den Zug dahin unter­ II nehmen, damit wir den Hochmut der Peloponnesier dämpfen, wenn sie sehen, daß wir unS aus der Ruhe nichts machen und jetzt sogar eine Flotte nach Sizilien schicken. Gelingt eS uns aber, dort festen Fuß zu fassen, so haben wir alle Aus­ sicht, ganz Griechenland unserer Herrschaft zu unterwerfen oder wenigstens die Syrakuser so zu schwächen, wie es unserem Interesse und dem unserer Bundesgenossen entspricht. Die Sicherheit aber, wenn die Sache gut geht, uns dort zu be­ haupten oder auch wieder abzuziehen, gewährt unS die Flotte; denn zur See werden wir auch der Gesamtheit der sizilischen immer überlegen sein. Laßt euch auch durch Nikias nicht irremachen, wenn er euch zum Schlaraffenleben verführen und zwischen Alten und Jungen Zwietracht säen will, sondern so wie unsere Väter in einträchtigem Zusammenwirken von jung und alt die Stadt groß gemacht haben, so sucht auch ihr jetzt ihre Macht zu mehren, und glaubt nur, daß Jugend und Alter ohne einander nichts können, die richtige Mischung von etwas Leichtsinn, Manneskraft und bedächtiger Überlegung aber das Höchste vermag. Und wie es jedem geht, so zehrt auch eine Stadt, wenn sie sich völlig zugibt, letztlich an ihrem eigenen Fette, und ihre Kräfte verkümmern, während sie im Kampfe beständig zulernt und sich gewöhnt, mit dem Degen statt mit Worten zu fechten. Ja, ich bin völlig davon überzeugt, daß grade eine Stadt, welche bisher die Tätigkeit selbst war, am ersten zu Fall kommt, wenn sie sich der Untätigkeit ergibt, und daß man da am sichersten fährt, wo man an den alten Sitten und Gewohnheiten, selbst wenn an ihnen dies oder jenes aus­ zusetzen wäre, am zähesten festhält."

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