Kitap 2
40
„Denn wir pflegen die Künste, aber nicht um eiteln Prunkes willen, und lieben die Wissenschaft, aber ohne uns dadurch verweichlichen zu lassen. Wir schätzen den Reichtum als ein Mittel, um nützlichen Gebrauch davon zu machen, nicht aber um damit zu protzen. Seiner Armut braucht sich niemand zu schämen, es sei denn, daß er sie durch Faulheit selbst verschuldet hat. Der Politiker kann sich bei uns auch seinen eigenen Angelegenheiten widmen und der Geschäfts mann, der sein Gewerbe treibt, dabei sehr wohl auf Politik verstehen. Nur hier hält man den, der sich nicht um Politik bekümmert, nicht für einen guten Bürger, sondern für einen Philister. Bei uns bildet sich jeder wenigstens ein Urteil über solche Fragen, wenn es auch zunächst den berufsmäßigen Poli tikern überlassen bleibt, über deren richtige Lösung nachzudenken. Wir glauben nicht, daß die Sachen darunter leiden, wenn man sich erst öffentlich darüber ausspricht; im Gegenteil, wir halten eS für verkehrt, eine Sache anzugreifen, ohne sich darüber vorher durch Rede und Gegenrede belehren zu lassen. Denn auch darin untershceiden wir uns von anderen, daß wir bei unseren Unternehmungen erst wägen und dann wagen, während sie dummdreist draufgehen und, wenn sie zur Besinnung kommen, den Mut verlieren. Der wahre Mut ist es denn doch, sich zu nächst klarzumachen, was man zu hoffen und zu fürchten hat, und dann doch nicht vor der Gefahr zurückzushcrecken. Auch über Wohltun deuten wir anders als die meisten; nicht durch Nehmen, sondern durch Geben suchen wir uns Freunde zu machen. Wer einem anderen eine Wohltat erweist, hält fester an der Freund schaft und sucht sich dessen Dankbarkeit durch fortgesetztes Wohl wollen zu erhalten; der durch eine Wohltat Verpflichtete da gegen läßt es schon eher darauf ankommen, weil er sich sagt, daß er sie nicht erwidert, um dem anderen eine Freude zu machen, sondern um eine Schuld abzutragen. Wir sind die einzigen, die nicht aus Berechnung und um eigenen Vorteils willen, sondern als freie Männer auch ohne Nebenabsichten vertrauensvoll und furchtlos anderen Wohltaten erweisen.