Kitap 3
39
„Ich werde versuchen, euch anderes Sinnes zu machen, und euch zeigen, daß Mytilene sich so nichtswürdig gegen euch benommen hat wie keine andere Stadt. Fällt einer von euch ab, weil ihm eure Herrschaft unerträglich war oder der Feind ihn dazu zwingt, so kann auch ich das verzeihen. Diese Leute aber auf ihrer Insel, hinter festen Mauern, die nur von der See einen Angriff unserer Feinde zu fürchten hatten und sich dagegen mit ihrer vortrefflichen Flotte auch selbst sehr wohl wehren konnten, politisch unabhängig und von euch in jeder Weise verzogen, - wenn die das taten, was war das anders als ein Schurkenstreich, kein Abfall - denn über harte Be handlung hatten sie nicht zu klagen sondern ein Anfall, was anders als eine Mache mit unseren Todfeinden, um uns zu vernichten? Das ist ja weit schlimmer, als wenn sie sich aus eigener Kraft zum Kriege mit uns aufgerafft hätten. Aber sie haben sich das Schicksal der andern, die schon früher ihren Abfall haben büßen müssen, nicht zur Warnung dienen lassen, und der glückliche Zustand, in dem sie sich bisher befanden, hat sie nicht abgehalten, sich in Gefahr zu stürzen. Weil sie sich von der Zukunft goldene Berge versprachen und auf Er folge hofften, die weit über ihre Kräfte, wenn auch lange nicht so weit wie ihre Wünsche gingen, haben sie den Krieg begonnen und sich nicht entblödet, Macht vor Recht gehen zu lassen. Denn sobald sie glaubten, mit uns fertig werden zu können, haben sie uns angegriffen, ohne daß wir ihnen etwas zuleide getan hatten. So aber geht es in der Regel, das Glück, daS einer Stadt allzu schnell und unverhofft zuteil wird, steigt ihr zu Kopfe, und gewöhnlich ist es beständiger, wenn man es sauer verdient hat, als wenn es einem unversehens in den Schoß fällt, ja ich möchte sagen, es ist leichter, sich vor Unglück zu hüten, als das Glück an sich zu fesseln. Schon längst hätten wir die Mytilener nicht besser behandeln sollen als die anderen, dann wären sie nicht so übermütig geworden. Denn so sind die Menshcen, behandelt man sie zu rücksichts voll, so überheben sie sich, und es macht ihnen weit mehr Ein druck, wenn man sie kurz hält. Darum sollen sie jetzt auch bestraft werden, so wie sie es verdient haben, und ihr dürft nicht nur die paar Stadtjunker maßregeln und das Volk frei ausgehen lassen. Denn alle ohne Unterschied haben sie gegen uns die Waffen ergriffen, während sie durchaus in der Lage waren, sich für uns zu erklären und nach wie vor eine unab hängige Stadt zu bleiben. Statt dessen glaubten sie sich besser zu stehen, wenn sie den Adelsputsch mitmachten, und fielen mit ab. Ja, wenn ihr Bundesgenossen, die aus freien Stücken von euch abfallen, nicht anders bestrafen wollt als solche, die vom Feinde dazu gezwungen werden, glaubt ihr denn, sie I würden nicht alle bei erster Gelegenheit von euch abfallen, da sie Aussicht haben, falls es gut geht, frei zu werden, schlimmsten falls aber immer noch leidlich davonzukommen? Wir aber sind dann in keiner Stadt unseres Lebens und unseres Eigen tums mehr sicher. Gelingt es uns dann auch, eine Stadt wieder zu unterwerfen und zu zerstören, um die Steuern, worauf unsere Macht beruht, ist es für die Zukunft dann doch geschehen. Werden wir aber gar geschlagen, so haben wir uns zu unseren alten Feinden noch neue auf den Hals gezogen und uns gegen unsere eigenen Bundesgenossen unserer Haut zu wehren, während wir schon unsere liebe Not hatten, mit unseren bisherigen Gegnern fertig zu werden.