Kitap 3
45
„In den Staatsverfassungen ist ans vielerlei Dinge die Todesstrafe gesetzt, auch auf solche, die dem vorliegenden Verbrechen nicht gleichkommen, sondern dahinter zurückbleiben. Gleichwohl lassen sich die Menschen durch die Hoffnung anreizen, es immerhin zu wagen ; und nie hat sich Einer in diese Gefahr begeben, der sich nicht getraut hätte, mit seinem schlimmen Wagniß durchzudringen. Und ist jemals eine abtrünnige Stadt an die Ausführung gegangen, welche die Zurüstung, sei es nun eigene oder durch Anderer Kampfgenossenis schaft dargebotene, nach eigener Schätzung für unzureichend hielt? Es 427 v. Chr. liegt in aller Menschen Natur, daß sie sowohl in Privatverhältnissen, als auch gegen den Staat sündigen, und es gibt kein Gesetz, das sie davon zurückhalten kann. Sind ja die Menschen bereits durch alle Abstufungen der Strafen, sie immer steigernd, hindurchgegangen, um so vielleicht die Zahl der Verbrechen und die Menge des Uebels zu mindern. Denn gewiß standen vormals auf den größten Verbrechen mildere Strafen; da aber immerfort Uebertretungen Statt fanden, so verschärften sich die meisten im Laufe der Zeit bis zur Todesstrafe, und trotzdem achtet man auch dieser nicht. Entweder also muß man etwas noch Abschreckenderes ausfindig machen als diese, oder es gibt überhaupt nichts, was da Einhalt thun kann. Und so ist es in der That; denn einmal ist's die Armuth, 5ie durch Noth Kühnheit gebiert und zum Wagniß treibt, das andere Mal der Reichthum, der in Uebermuth und Hochmuth Habsucht erzeugt, und so auch die andern durch Leidenschaft herbeigeführten menschlichen Zustände, die alle unter dem Einfluß irgend einer unwiderstehlichen höhern Macht stehen, überall aber die Hoffnung, die Begierde. Diese macht die Führerin, jene geht mit. Diese sinnt den Anschlag aus, jene spiegelt den Beistand eines freundlichen Glückes vor, und so richten beide den größten Schaden an, und obwohl unsichtbar, sind sie doch mächtiger als Martern, die mit Augen zu sehen sind. Dazu kommt noch das Glück, das auch nicht weniger aufmunternd mitwirkt. Denn wider Erwarten gesellt es sich manchmal zu der geringeren Kraft und verleitet Einen zum Wagniß, und mehr noch ganze Staaten, da es sich da ja um die größten Dinge handelt, um Freiheit und Herrschaft über Andere, und weil jeder Einzelne, wenn er im großen Haufen mitläuft, seine eigene Kraft blindlings überschätzt. Kurz, wer mit der Gewalt der Gesetze oder durch sonst ein anderes Schreckmittel die Menschen hindern zu können glaubt, wenn die eigene Natur sie zu irgend einer That fortreißt, der glaubt das Unmögliche und beweist große Einfalt."