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Ἱστορίαι Thucydides

Kitap 4

92 „Hätte es doch keinem unserer Feldherren in den Sinn kommen sollen, Böotier, daß wir uns mit den Athenern nicht zu schlagen brauchten, wenn wir sie nicht mehr in Böotien träfen. Sind sie uns doch über die Grenze ins Land gekommen, haben hier eine Festung gebaut und wollen Böotien zur Wüste machen. Folglich sind sie unsere Feinde, kommen sie als solche, woher sie wollen, wo immer wir sie antreffen. Und wer es früher auch für richtiger gehalten, sie ziehen zu lassen, möge sich jetzt eines besseren besinnen. Wenn man sich im eigenen Lande seiner Haut wehren muß, hat man nicht Zeit zu langer Überlegung wie der habgierige Nachbar, der sich zu Hause in aller Ruhe auf einen Raubzug vorbereitet. Seit den Tagen unserer Väter ist es bei uns immer Grundsatz gewesen, einem auswärtigen Feinde, der uns angreift, gleichviel ob im eigenen oder in fremdem Lande unbedingt zu Leibe zu gehen. Und unseren Nachbarn, den Athenern, gegenüber haben wir um so mehr Grund, darnach zu verfahren. Die Widerstandskraft den Nachbarn gegenüber ist ja doch für alle die erste Bedingung der Freiheit. Und wie sollten wir nicht im Kampfe mit ihnen, die nicht nur ihre Nachbarn, sondern auch ferne Länder zu unterjochen suchen, unsere letzte Kraft einsetzen? An Euboia hier gegenüber haben wir ja das Beispiel; wie sieht eS da aus, und was herrschen in Griechenland auch sonst fast überall für Zustände! Und wenn andere mit ihren Nachbarn um Landesgrenzen Krieg führen, so müssen wir uns klarmachen, daß, wenn wir besiegt werden, unserem Lande unwiderruflich nur eine Grenze gezogen werden wird; denn haben sie sich unseres Landes erst bemächtigt, so werden sie es ganz behalten. Darum sind die Athener unsere allergefährlichsten Nachbarn. Ein Feind, der, wie jetzt die Athener, im Vertrauen auf seine Macht seinen Nachbar angreift, wird, wenn dieser sich zugibt und höchstens im eigenen Lande wehrt, nun immer anspruchs­ voller auftreten, wenn man ihm aber schon jenseits der Grenze entgegengehkund bei Gelegenheit selbst den Angreifer macht, schon eher klein beigeben. Wir haben das ja an ihnen selbst erlebt; denn seitdem wir sie damals, wo sie hier infolge unserer inneren Zwistigkeiten Herren im Lande waren, bei Koroneia besiegt, haben sie uns bis jetzt in Ruhe gelassen. Eingedenk dessen müssen wir Alten wieder so tapfer draufgehen wie da­ mals, die Jüngeren aber als Söhne ihrer mutigen Väter sich bestreben, der alten böotischen Tapferkeit keine Schande zu machen, und so wollen wir im Vertrauen auf den Beistand des Gottes, dessen Tempel sie sich so ruchlos zur Festung ge­ macht haben, und auf unsere Glück verheißenden Opfer ihnen zu Leibe gehen, um ihnen zu zeigen, daß sie sich, wenn sie Eroberungen machen wollen, Leute suchen müssen, die nicht zu fechten verstehen, sich aber bei uns, die wir zwar nicht dabei hergekommen sind, fremde Länder zu unterjochen, wohl aber die Freiheit unseres eigenen Landes mit den Waffen in der Hand zu verteidigen, nur blutige Köpfe holen."

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